Tim Deibel

Tim Deibel

... es gibt so viele Baustellen, kaum weiß man, wo anzufangen ist

Selbstdefinition

Es gibt viele verschiedene Label die ich je nach Kontext abwechselnd oder auch gemeinsam verwende, wie Atheist, Skeptiker, Freidenker, Naturalist, Feminist. Ich denke aber dass ich mich voralledem als säkularen Humanisten bezeichnen würde. Der Humanismus vertritt als Weltanschauung genau die Werte, wie Toleranz, Gewaltlosigkeit, und Wissensfreiheit, mit denen ich großgezogen wurde und die mich schon mein ganzes Erwachsenenleben begleiten und mein Handeln bestimmen.

Entscheidende Erfahrungen

Wann oder wodurch sind Sie zu Ihrer Weltanschauung gekommen? Welche Umstände oder Ereignisse waren entscheidend?

Ich denke entscheidend für meine Weltanschauung war vor allem die Erziehung durch meine Eltern, beides Spät-68er, die sich in den 70er und 80er Jahren stark politisch und gesellschaftlich engagierten. Sie vermittelten mir ein Wertesystem, bei dem der Respekt vor jedem Menschen als Individuum im Mittelpunkt steht. Von dieser Erziehung zehre ich in meinen politischen und weltanschaulichen Ansichten noch heute.

Elitär

Denken Sie, dass Glaubensfreiheit und wertphilosophisch begründete Ethik elitär ist oder auch breite Bevölkerungsschichten erreichen kann? Welche kooperativen Strukturen wären nützlich, um mehr Menschen mit dem humanistischen Gedankengut zu erreichen. Was

Ich denke dass Glaubensfreiheit und wertphilosophisch begründete Ethik von daher elitär sind, dass sie in nicht unerheblichem Maße an den Bildungsgrad eines Menschen gekoppelt sind. Elitär sind Dinge ja nur immer dann, wenn sie nur einer kleinen privilegierten Gruppe zur Verfügung stehen. So verhält es sich leider auch immer noch mit Bildung, speziell höherer, universitärer Bildung. Wenn wir es schaffen, dass diese zur Norm wird, werden auch Glaubensfreiheit und wertphilosophisch begründete Ethik zur Norm werden. Dazu gehört es natürlich auch, die Menschen langfristig vom kapitalistischen Diktat der Arbeit zu befreien. Diejenigen die heute noch froh sein dürfen einen Job ihr eigen nennen zu dürfen müssen nicht selten 50 oder 60 Stunden die Woche ran. Da bleibt wenig Zeit, sich fortwährend mit der eigenen moralischen und ethischen Weiterbildung zu beschäftigen. Und diejenigen die keinen Job haben, fehlt oftmals der Zugang zu Bildung bzw. die Fertigkeit zur Selbstbildung. Richtiges Lernen ist für mich einer der Hauptpunkte der in der kindlichen Bildung sträflich vernachlässigt wird. Wenn man erstmal das Lernen gelernt hat, kann einen im Zeitalter des Internets niemand mehr von Wissen fernhalten.

Religiöse Zwänge

Meine Eltern wurden beide getauft, traten aber als Erwachsene ziemlich schnell aus der Kirche aus. Meinen Bruder und mich haben sie völlig frei von jeglichem religiösen Dogma erzogen. Wenn wir Fragen zu Religion hatten, wurden diese sehr sachlich und frei von Wertungen beantwortet. Auch haben meine Eltern immer betont, dass sie selbst nicht an Gott glauben, aber ich mir als erwachsener Mensch gerne meine eigene Meinung zu diesem Thema bilden dürfte und jeden Glauben annehmen dürfte, den ich möchte. Hierfür werde ich meinen Eltern auf ewig dankbar sein.

Als Erwachsener hat mich dann das Thema Religion erstmal lange gar nicht interessiert, so dass ich mit in dieser Zeit im Nachhinein eher als nicht-religiös denn als Atheisten bezeichnen würde, obwohl ich es der Definition nach natürlich war. Erst in den letzten 3 oder 4 Jahren habe ich mit konkret mit den philosophischen Grundmustern der verschiedenen Weltreligionen befasst und bin auf diese Weise ziemlich schnell zum überzeugten Atheisten geworden.

Konkrete Eigenerfahrungen mit Religiosität

Nein. Mit 14 Jahren habe ich mich mal am Gebet versucht, in der Hoffnung dadurch die Scheidung meiner Eltern noch abwenden zu können (hat natürlich nicht geklappt). Allerdings war ich auch damals nicht annähernd von etwas beseelt was man als Glauben bezeichnen könnte. Ich kannte Beten halt aus dem Fernsehen und dachte ich probier's mal, wenn es doch so viele andere machen. Aber statt von Spiritualität war ich eher von der Frage erfüllt, ob ich es richtig mache, ob es beim Beten irgendwelche Regeln zu beachten gibt, usw. Auch ansonsten war ich schon als Kind eher daran interessiert Dinge zu wissen, statt sie zu "fühlen".

Glaubensfreie Alternativen

Alle Feste die es schon vor dem Christentum gab und die lediglich von selbigem einverleibt wurden, wie Weihnachten, Ostern, Hochzeiten, etc., feiere ich auf rein säkulare Weise. D.h. bei mir findet man einen Weihnachtsbaum, aber keine Weihnachtskrippe. Auch meine Beerdigung soll mal komplett religionsfrei ablaufen. Darüber hinaus bin ich generell ein Fan davon, positive Ereignisse zu tradieren, wobei ich dabei wenig von gesteuerten Vorgängen halte. Solche Dinge sollten sich idealerweise von alleine entwickeln.

Freiheit, eigene Wünsche und Gedanken zu leben

Zum großen Teil verspüre ich diese Freiheit schon. Wir leben im westlichen Europa schon in einer sehr privilegierten Situation, in einem demokratischen Rechtsstaat der uns viele Freiheiten und Möglichkeiten bietet. Allerdings ist dieser Zustand keiner auf dem man sich ausruhen kann, denn diese Freiheiten müssen jeden Tag aufs Neue erkämpft werden. Gerade im Moment sehe ich vielerorts leider wieder Strömungen die darauf abzielen diese Freiheiten im Namen von falsch verstandener Toleranz und ungebührend hohem Respekt vor Glaubensgemeinschaften einzuschränken. Zum anderen sehe ich gerade auf der Seite der Rechte von Schwulen und Lesben noch starken Nachholbedarf, speziell was die rechtliche Gleichstellung der Ehen gleichgeschlechtlicher und verschiedengeschlechtlicher Paare angeht.

Zusammenhang zwischen Humanismus und Aufklärung

Ich denke dass der Humanismus ein fast unvermeidbares Resultat der Aufklärung ist. Die Aufklärung beseitigte das Mantra auf sogenannte große (und auch viele kleine) Fragen mit "Wir wissen die Antwort nicht, deshalb Gott" zu antworten. Dadurch wurden die Menschen genötigt sich tatsächlich mit Fragen der menschlichen Moral, Ethik, etc. beschäftigen. Der Humanismus war das unweigerliche Resultat, nicht zuletzt weil er den Menschen auch die Ausrede Gott nahm. Viel Elend in der Welt wurde über Jahrhunderte (und auch heute teilweise noch), nicht wirklich angegangen, weil alles ja immer Gottes Plan war. Obwohl Gott unsichtbar ist, lässt es sich hinter ihm hervorragend verstecken. Diese Möglichkeit bietet einem der Humanismus nicht. Er lässt uns erkennen, dass wir alle für unsere Entscheidungen und Taten zu 100% verantwortlich sind. Es gibt keine höhere Instanz die uns jedwede Verfehlungen nach einigen Vater Unser wieder vergibt. Unsere Taten haben Konsequenzen, oft nicht wieder gut zu machende. Der Humanismus fördert deshalb meiner Meinung nach mehr als jede andere Weltanschauung die persönliche Verantwortung des Individuums und führt somit zu einer überlegenen Moral und Ethik, da diese sich rein in unserer eigenen Menschlichkeit begründet und somit jedem zugänglich ist.

Praktischer Humanismus

Ja und ja. Was das Wie angeht, so haben wir es hier mit einem zweischneidigen Schwert zu tun. Schließlich möchte ich den Humanismus nicht predigen, so wie es der ein oder andere missionierende Theist tut. Ich denke, hier sollte man zum einen durch seinen Lebenswandel ein Beispiel setzen, nach dem Motto "seht her, ich bin gottlos und trotzdem ein guter Mensch". Natürlich muss man dazu auch, möglichst subtil, kommunizieren dass man Atheist/Humanist ist. Leider sieht man das einem so direkt nicht an, denn Humanisten kommen bekanntlich in allen Größen, Farben und Formen. Hier habe ich für mich persönlich herausgefunden, dass das Tragen von T-Shirts mit entsprechenden Sprüchen ("Gottlos glücklich") oder Symbolen wie das 'Scarlet A' der OutCampaign (www.outcampaign.org), ziemlich gut funktionieren. Leute die z.B. mit solchen Symbolen vertraut sind, wissen dann genau, der ist Atheist. Und solche die nicht damit vertraut sind, können es sich meist nicht verkneifen zu fragen "wofür steht denn das 'A'". So kann man seinen Atheismus/Humanismus ganz ungezwungen kommunizieren und interessierte Menschen werden fast immer nach mehr Informationen verlangen, so dass man ihnen seine Weltanschauung nahe bringen kann, ohne sich aufzudrängen oder missionierend daherzukommen.

 

 

 

 

Selbstbestimmtes Leben und selbstbestimmtes Sterben

Für mich gehört selbstbestimmtes Sterben zum selbstbestimmten Leben dazu. Selbstbestimmtes Leben bezieht sich ja primär auf die Gestaltung des selbigen, denn wir konnten uns ja nie aussuchen, ob wir überhaupt geboren werden wollten. Ich persönlich hänge sehr am Leben und kann mir im Moment nur schwerlich Umstände vorstellen, unter denen ich nicht mehr weiterleben wollte. Allerdings bin ich nur einer von über 7 Milliarden Menschen und nicht jeder lebt das gleiche Leben wie ich, bzw. würde es subjektiv exakt so empfinden wie ich, so dass ich es für unglaublich arrogant halte zu behaupten, das Leben sei prinzipiell lebens- und daher schützenswert. Das Leben von jedem Einzelnen von uns kann zu jedem gebenen Zeitpunkt durch höhere Gewalt beendet werden. Darüber hinaus finde ich, dass jeder selbst bestimmen können sollte, wann und wie er oder sie aus dem Leben scheidet. Das sehr alt werden liegt mir in den Genen, schon mein Ur-Urgroßvater wurde über 100 Jahre alt und meine Uroma hat es bis 93 geschafft. Meine Großeltern haben alle locker die 85 vollgemacht. Und gerade bei ihnen konnte ich beobachten, wie es mit mir mal NICHT zu Ende gehen soll. Beide meiner Großväter haben nach Schlaganfällen die letzten Monate und Jahre im Krankenbett verbracht, konnten sich nicht selbst ernähren, kaum noch kommunizieren, oder erkannten aus Verwirrung teilweise ihre eigenen Kinder nicht mehr.

Beide meine Großväter haben den Zweiten Weltkrieg überlebt, ein Krieg, den sie nicht gewollt haben und in dem sie Dinge tun mussten, die sie nicht tun wollten, die aber nötig waren, um das eigene Überleben und das ihrer Kameraden zu sichern. Anschließend haben sie geholfen, genau wie meine Großmütter, das vom Krieg zerrüttete Deutschland nach und nach wieder aufzubauen und haben in den schwierigen Nachkriegsjahren 2 bzw. 6 Kinder und insgesamt 11 Enkelkinder großgezogen. Als verwöhntes Wohlstandskind des späten 20. Jahrhunderts kann ich kaum ausdrücken, wie viel Respekt ich vor den Leistungen und dem Leben meiner Großeltern habe und es schmerzt mich immens mit anzusehen, wie jemand der derart Beeindruckendes geleistet hat die letzten Monate oder Jahre des Lebens einfach nur noch vor sich hinvegitiert und auf den Tod wartet. Ich halte es für eine Schande dass die deutsche Gesetzgebung Ärzte geradezu dazu nötigt, beim Aufklären über die Möglichkeiten Sätze zu sagen wie "Sie können die Magensonde abschalten lassen, dann verhungert er". Nicht nur das Leben, auch das Sterben sollte human ablaufen. Art. 1 unseres Grundgesetzes definiert die Würde des Menschen als unantastbar. Für mich gilt das sowohl im Leben, als auch im Tod.

Was schadet der Gesellschaft aktuell am meisten

Puh, eine schwierige Frage. Ich meine, wo fängt man da an? Da gäbe es so viele Baustellen, dass man kaum weiß wo man anfangen soll. Wenn ich es aber auf eine Sache reduzieren müsste. Würde ich sagen an der Fähigkeit rational zu denken. Klingt erstmal banal und einfach, aber diese Fähigkeit geht dann doch leider zu vielen Leuten ab. Dinge kritisch zu hinterfragen, komplizierte Themenkomplexe ergebnisoffen anzugehen, und sich bei der Ergebnisfindung von Fakten statt von Gefühlen leiten zu lassen, sollte meiner Meinung nach schon in der Schule unterrichtet werden. Wer die Fähigkeit zur Reflektion nicht in jungen Jahren erlernt, kann das als Erwachsener meiner Meinung nach nur schwerlich nachholen und daran krankt unsere Gesellschaft glaube ich am meisten, weil es alle Bereiche betrifft in denen wir auch nur annähern Konfliktpotential haben.

Stille bzw. unbekannte Humanisten

Für mich sind die meisten meiner Mitmenschen verkannte Humanisten, denn wenn sie ihre diversen Religionen verteidigen schmeißen die meisten doch nur irgendwelche Allgemeinplätze in den Raum, die auch wunderbar durch den Humanismus abgedeckt werden und für die man alles braucht, nur keine Götter.

Humanismus und Spiritualität

Ich denke nicht, das wir dafür spezielle Orte benötigen. Schließlich steht im Humanismus der Mensch im Mittelpunkt. Jeder Ort an dem sich Menschen aufhalten, wird automatisch zu einem solchen Ort. Ich denke solche Orte des Andenkens z.B. sollten immer einen persönlichen Bezug haben. Was soll ich denn mit einem säkularen Äquivalent zu Kirchen, Moscheen, Tempeln, etc., die wahllos in die Landschaft gebaut werden und bei denen eines gleicher aussieht als das nächste? Wenn ich einem geliebten Menschen gedenken möchte würde ich eher einen Ort aufsuchen den ich mit diesem Menschen verbinde, z.B. eine Kneipe die wir oft zusammen besucht haben oder einen Fußballplatz auf dem wir zusammen gekickt haben, anstelle eines 08/15-Gebäudes das dieser Mensch vielleicht selbst nie betreten hat. Im Zweifelsfall brauche ich dafür gar kein Gebäude, denn meine eigenen Gedanken und Gefühle kann ich überall erforschen.

Zukunft und Wünsche

Ich denke dass die neuesten Umfragen durchaus zeigen, dass Nicht-Religiösität auf dem Vormarsch ist. Dieser Eindruck verstärkt sich für mich sogar eher noch durch das scheinbare Widererstarken der Religionen, in dem Sinne dass sie, gerade in Orten wie Deutschland, wieder lauter auftreten und scheinbar mehr ins Zentrum der Gesellschaft drängen. Die Rhetorik wird dabei schärfer und das ist für mich ein untrügerisches Zeichen, dass die Kirchen gemerkt haben dass ihre Zeit so langsam zu Ende geht und werfen jetzt in einem letzten große Hurra noch mal alles in die Waagschale. Damit werden sie aber scheitern, weil dadurch nur deutlicher wird, dass sie in Fragen wie gleichgeschlechtlicher Ehe, Abtreibung, etc., einfach von der Geschichte überholt wurden. Auch in der islamischen Welt geht den Menschen so langsam das Licht auf, dass es ihnen nicht schlecht geht weil sie nicht nach dem Koran oder der Scharia leben, sondern dass es das gerade dann tut wenn sie es tun. Wenn diese Menschen sich endlich vom Joch der Religion befreien, werden viele unweigerlich beim Humanismus landen. Das wünsche ich mir zumindest für sie und auch für mich. Außerdem wünsche ich mir, dass diese Veränderung möglichst unblutig vonstattengeht, aber wie ich uns Menschen so kenne wird das eher nicht der Fall sein. Leider. In jedem Fall halte ich den Humanismus für die beste Chance zu einem friedlichen und toleranten Miteinander und wünsche mir daher, dass möglichst viele Menschen die Chance erhalten sich mit dem Humanismus und Fragen der säkularen menschlichen Moral und Ethik auseinanderzusetzen.

Antworten © Tim Deibel
„Epikurs Garten” - „Who is Hu” - Gesichter gegenwärtiger Humanisten © Evelin Frerk (658)