Michael Suter

Michael Suter                  Fotografie@evelinFrerk.  - Fotografie und Texte unterliegen dem Urheberrecht!
 
Michael Suter ist Jurist (Master of Law)  und Verwaltungsrat einer familiengeführten KMU.
Er ist Vorstandsmitglied der FreidenkerInnen Region Bern und Mitglied der FDP. Die Liberalen. 
Und natürlich, Michael Suter lebt in der Schweiz.
 

2014-08-24  Michael Suter "Epikurs Garten"

           "Humanismus ist .... eine nichtmissionarische Weltanschauung

1. Selbstdefinition?
Ich würde mich selbst am ehesten als modernen Humanisten bezeichnen und hoffe, dass das andere auch so sehen. Das Etikett ist aber weit weniger wichtig als der Inhalt.

2. Entscheidende Erfahrungen?
Ein Erweckungserlebnis hatte ich nicht. Das wird ja meines Wissens für areligiöse Menschen zum Glück auch nicht vorausgesetzt.
 
3: Elitär?
Bereits heute haben in der Schweiz breiteste Bevölkerungsschichten ein distanziertes Verhältnis zu institutionellen Religionen. Ich denke zudem nicht, dass sich die verschiedenen Ersatzreligionen breiter etablieren werden. Die Gesellschaft wird daher zumindest in naher Zukunft immer weltlicher und hoffentlich auch säkularer.
 
Eine wichtige Weichenstellung wird sein, nicht als Reaktion auf die zunehmende muslimische Bevölkerungsschicht in unserem Land als eine Art Abwehrreaktion in christliche Werte zu flüchten. Das wäre gefährlich. Im Gegenteil der Gedanke der säkularen Gesellschaft konsequent zuende gedacht werden. Nur dies gewährt echte Glaubensfreiheit ohne tendenziöses Staatshandeln zu Gunsten einer Religionsgemeinschaft.

4. Religiöse Zwänge?
Persönliche Zwänge gab es nie. In meiner Kindheit spielte Religion keine grosse Rolle. Meine Eltern - obwohl beide formal Kirchenmitglieder - pflegen beide ein distanziertes Verhältnis zu Religion. Es war aber ebenso klar, dass ich als Kind reformierter Eltern den üblichen Bekenntnisunterricht besuchte, welchen ich jedoch als langweilig in Erinnerung habe.

5. Konkrete Eigenerfahrungen mit Religiosität?
An religiösen Gruppierungen fasziniert mich besonders deren enger Sozialzusammenhalt. Ich habe einige evangelikale Freunde, welche dieses soziale Netz sehr ausgeprägt leben, sicherlich gröstenteils damit glücklich sind und auch Rückhalt darin finden. Areligiöse haben ein solches Netzwerk oft nicht.
An institutionellen Religionen in der Schweiz stören mich vor allem ihre überholten Privilegien verbunden mit staatlich verordnetem Mitfinanzierungszwang. Aus grundrechtlicher Sicht sind gerade Krichensteuern für juristische Personen ein Unding, da eine juristische Person sich ihnen nicht entziehen kann.

Ich habe an sich nichts gegen die Erfüllung gewisser hoheitlicher Aufgaben druch Kirchen. Dann aber haben diese sich im Rahmen ordentlicher Verfahren und in Konkurrenz mit anderen Organisationen um staatliche Beiträge zu bewerben.
Was micht zusehends besorgt ist die von institutionellen Religionen in moralischen Fragen beanspruchte Deutungshoheit. Ich denke nicht, dass Religion in Bezug auf aktuelle ethische Problemstellungen viel wirklich Neues beizutragen hat. Dennoch wird religiösen Würdenträgern - oft aus reiner Ideenlosigkeit - eine Sonderstellung in Bezug auf die Beantwortung solcher Fragen eingeräumt. Dies führt z.B. dazu, dass als Antwort auf das Erstarken des Islam in Westeuropa allen Ernstes ein Wiedererstarken des Christentums proklamiert wird. Spästestens hier wird Religion m.E. ganz klar zum Sicherheitsrisiko.
Schliesslich überrascht mich immer wieder, wie viele Menschen auch nach dem Verlassen ihrer institutionellen Religionsgemeinschaften einer Ersatzreligion anhängen und z.B. politische, esoterische oder gesellschaftliche Glaubenssätze zu völlig unhinterfragbaren Dogmen erheben und sich so von einem echten Diskurs darüber ausklammern oder gar in Verschwörungstheorien zurückziehen.

6. Glaubensfreie Alternativen?
Rituale können hilfreiche Instrumente sein, um wichtige Stationen im Leben eines Menschen in seiner Gemeinschaft zu würdigen. Welches Angebot eine Person nutzen will, muss sie zuerst selbst entscheiden. Einer religiösen Dimension bedarf es hierzu nicht. Eine weltliche Feier hat den Vorteil, dass wirklich vollständig auf die Wünsche der Beteiligten eingegangen werden kann.
Wichtig ist, dass ein Angebot an professionellen Ritualgestaltern/- begleitern für Interessierte besteht. Solche Ritualbegleiter können durch ihre Erfahrung den Beteiligten bei der Gestaltung ihrer besonderen Lebensmomente helfen. Genau dieses Angebot bietet in der Schweiz die Freidenker-Vereinigung an. So kann nicht zuletzt ein gewisser Qualitätsstandard für Ritualbegleiter eingehalten werden und es wird sichergestellt, dass Interessenten für weltliche Feiern nicht plötzlich irgendwelchen obskuren Esoterikern in die Hände fallen.

7. Freiheit, eigene Wünsche und Gedanken zu leben?
...ist für mich eine Selbstverständlichkeit und ich bin froh, in einem der freisten und liberalsten Länder der Welt leben zu dürfen.

8. Zusammenhang zwischen Humanismus und Aufklärung?
Eine Leitidee der Aufklärung war und ist ja die Befreiung des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Als Voraussetzung hierzu bedarf es einer umfassenden Bildung. Bildung ist gerade in einer modernen pluralistischen Gesellschaft wie der Schweiz sehr wichtig. Ich bin überzeugt, dass unter anderem in Schule und Ausbildung die Voraussetzungen für unsere sogenannte "Willensnation" Schweiz entstehen. Der Integrationsfaktor solcher Institutionen wird aber durch in sich zurückgezogene religiöse Parallelgesellschaften in Frage gestellt.

9. Praktischer Humanismus?
Humanismus ist für mich schon begriffsnotwendig eine nichtmissionarische Weltanschauung.
Überzeugungsarbeit ist höchtens dort angezeigt, wo eine Weltanschauung aufgrund ihres Extremismus in Konflikt mit errungenen Grundrechten anderer gelangt. Übertriebene politische Korrektheit sowie die laufenden internationalen Bestrebungen zur Aufweichung der Meinungsäusserungsfreiheit in Bezug auf religiöse Bekenntnisse sehe ich deshalb als äusserst problematisch.

10. Selbstbestimmtes Leben und selbstbestimmtes Sterben?
...sind für mich keine rein humanistischen Anliegen.
Die Diskussion über Vor- und Nachteile von Sterbehilfe sollte aber ohne Berücksichtigung religiöser Erwägungen ablaufen. Vielmehr geht es darum, das Recht des Einzelnen auf Selbstbestimmung so auszugestalten, dass Motive von Utilitarismus oder gar Quasi-Euthansie - in welch indirekter Form auch immer - wirksam ausgeschlossen werden können. Dabei geht es dann nicht mehr nur um den Suizid im Alter. Jedenfalls finde ich es bedenklich, wenn ein signifikanter Anteil unserer Mitmenschen mitlerweile das Gefühl hat, seinem Leben bereits in jüngeren Jahren selbst ein Ende setzen zu müssen.

11. Was schadet der Gesellschaft aktuell am meisten?
Teilnahmslosigkeit.

12. Stille bzw. unbekannte Humanisten?
Die zahllosen Menschen, die jeden Tag einen kleinen Beitrag für ihre Mitmenschen leisten.
13. Humanismus und Spiritualität:
Spiritualität ist nicht für alle Humanisten zwingend. Wer will, darf sich aber ruhig auch als Weltlicher kontemplativ betätigen. Humanismus und Spiritualität schliessen sich keinesfalls aus. Problematisch ist höchstens, dass viele Begrifflichkeiten auf dem Gebiet der Spiritualität religiös konnotiert sind, was eine weltliche Diskussion über das Erlebte oft erschwert.

14. Zukunft und Wünsche?
Ich wünsche mir, dass Humanisten in der Gesellschaft weiterhin zu mehr Humanität beitragen."

Antworten © Michel Suter
„Epikurs Garten“ – „Who is Hu“ – Gesichter gegenwärtiger Humanisten © Evelin Frerk

Die Reproduktion und das Kopieren sind nicht zulässig. Texte und Bilder unterliegen dem Urhebergesetz.
Auch Auszüge bedürfen der schriftlichen Genehmigung.
Fragen entwickelt und gestellt von Evelin Frerk und Laura Kase.
Mit Dank an die Dr. Fiona Lorenz und Dr. Ursula Menzer.
 

Berlin 2014-08-24eF.