Dr. Clemens Lintschinger
Dr. Clemens Lintschinger
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- Selbstdefinition
Der epistemologischen Schranken, die der Erkenntnisfähigkeit der Menschen gesetzt sind, bin ich mir bewusst. Doch diese entbinden mich nicht von der Pflicht zur Verortung meiner Weltanschauung. Gestützt auf Gewissheiten, die mir vollends genügen, definiere ich mich als Atheist – allen voran diese: Meinen Tod überlebe ich nicht. Auf das Wörtchen „ich“ kommt es mir an. Dieses Ich-Gefühl ist ein Output meiner Gehirnleistung, vergleichbar mit einem Traum, der mit dem Erwachen für immer verpufft. Es gibt keine metaphysische Parallelwelt, in die mein Ich-Bewusstsein übergeht. Endet die Energiezufuhr, dann hört das Gehirn unwiderruflich auf zu arbeiten, und damit die Tätigkeit, ein „Ich“ zu generieren. Alle spekulativen Texte über Seelen ignorieren diese anatomische Realität. Selbst wenn man neben Körper und Ich-Bewusstsein auch eine Seele postulieren würde, die auf wunderbare Weise meinem Körper entschlüpft: Sie wäre bestenfalls ein Klon und eine Momentaufnahme meiner bisherigen Identität – aber sie wäre nicht ich. Zudem frage ich mich: Wie gelangt diese Seele zur Energie und wozu? Diese Erkenntnisse sind mein Ausgangspunkt, der mich – neben anderen Motiven – zur atheistisch-naturalistischen Weltsicht zwingt.
- Entscheidende Erfahrungen
Mein Weg zum Atheismus verlief ohne krisenhafte Erschütterungen. Auch das Theodizeeproblem spielte dabei keine Rolle. Akzeptierte ich als Jugendlicher noch das Argument des „freien Willens“, so lasse ich diese Rechtfertigung heute nicht mehr gelten. Den eigentlichen Anstoß zum Atheismus gab jedoch die Heuchelei in meinem unmittelbaren christlichen Umfeld. Die Sonntagsfrömmigkeit“ von Menschen, die sich unter der Woche so gar nicht christlich verhielten, empörte mich schon als Kind. Diese bequeme Ausrede, wir seien alle nur fehlerhafte Menschen und damit basta, machte mich regelrecht wütend. Bei der Beschäftigung mit den Inhalten des Christentums erschienen mir all diese Dogmen zunehmend absurd, lächerlich falsch und selbstsüchtig. Den Rest gab mir die Erkenntnis, wie willkürlich und zufällig die heutige christliche Lehre historisch entstand. Jenseits dieser spezifischen Genese des Christentums offenbarte sich mir jedoch rasch ein universelles Prinzip beim Vergleich der Religionen: Letztlich operieren alle Glaubenssysteme mit einem Mechanismus aus Versprechungen und Drohungen. Diese fundamentale Religionsskepsis wurde mein Hebel zum Atheismus. Frei von religiösen Zwängen fragte ich mich schon als Kind ehrlich, ob es außerhalb von Wunschdenken echte Argumente für die Existenz Gottes gäbe; ich fand keine. Folgerichtig lehnte ich bereits die Firmung aus Überzeugung ab. Mit jeder Körperzelle bin ich heute ein Atheist.
- Elitär
Die Frage, ob die Glaubensfreiheit elitär ist, beantworte ich mit einem klaren Nein. Kein Kind kommt mit Vorstellungen von Himmel und Hölle zur Welt. Doch kaum versucht ein junger Mensch, sich in der Welt zurechtzufinden, wird ihm von den Erwachsenen die Angst vor der Endlichkeit und vor vermeintlichen Konsequenzen seines Handelns nach dem Tod eingepflanzt. Eine der größten Propagandalügen der Religionen besteht überhaupt in der Behauptung, ohne Gott existiere keine Moral. Tatsächlich stellt die religiöse Moral einen bloßen Schatten der humanistisch-atheistischen Ethik dar, die niemanden benachteiligt oder diskriminiert. Zudem wird dem Kind die aberwitzige Illusion eines erstrebenswerten ewigen Lebens vermittelt. Mit Befriedigung betrachte ich daher die aktuellen Tendenzen in Europa: Der Anteil der Konfessionsfreien wächst stetig. Der Dammbruch wird erfolgen, sobald es gelingt, den Religionsunterricht aus den öffentlichen Schulen zu verbannen. Langfristig vertraue ich zudem auf den wissenschaftlichen Fortschritt: Durch technologische Fortschritte wird der Tod eines Tages so weit hinauszögerbar sein, dass Menschen eine solche Lebensspanne erreichen, die sie wahrhaft lebenssatt macht. Als freiwillige Option wird das persönliche Ende dann dankbar angenommen werden. Wer genug vom Leben hat, wird sich kein „ewiges Leben“ mehr herbeisehnen, sondern das endgültige Ende wünschen. Spätestens dann werden die Religionen weitestgehend aussterben, da ihr Geschäftsmodell platzt.
- Religiöse Zwänge
Die Bibel gelesen zu haben, hinterließ bei mir als Kind tiefe Spuren der Angst. Bis heute hallt diese Furcht im Unterbewusstsein nach. Ein Verbrechen an Kindern ist das, was die katholische Kirche tagtäglich begeht. Sie überarbeitet die Bibel nicht, sondern verbreitet weiterhin Grausamkeiten biblischer Genozide an Unschuldigen – sei es die Sintflut oder die Vernichtung von Sodom und Gomorra –, ebenso wie die perfide Drohung ewiger Höllenqualen, nur weil man nicht an Jesus oder Gott glauben kann.
- Konkrete Eigenerfahrungen mit Religiosität
Wie erwähnt, war ich schon als Jugendlicher ein scharfer Religionskritiker. Inzwischen ist viel Zeit vergangen und ich bin mit dem Tod konfrontiert worden. Hat es meine Einstellung zum Religiösem verändert? Nein, ganz und gar nicht. Ein Buch darüber zu schreiben – „Atheistisch glücklich sterben“ – war meine Antwort darauf. Immer wieder werde ich übrigens gefragt, ob ich nicht Verstorbene vermisse und sie nicht wiedersehen möchte. In diesem Wunschdenken manifestiert sich einer der Hauptgründe, warum Menschen an Religionen noch festhalten. Auch ich rede mit den Toten, zum Beispiel am Grab. Aber das sind bewusst eingebildete und konstruierte Dialoge. Ich führe diese Gespräche, um mich in netter Weise zu erinnern, aber keine Sekunde glaube ich, dass jetzt eine Seele um den Grabstein schwirrt und mir zuhört. Diese erfundenen Aussprachen reichen mir vollkommen und sind tröstlich für mich. Ich muss mir nicht einbilden, diese Menschen nach meinem Tod als Seele wiederzusehen. Und was wäre dann? „Wie geht’s? Was gibt’s Neues? Was machst du so?“ Mit der Zeit gehen die Antworten aus, oder nicht? Was tut man so im Himmel bei Gott? Vergeht im Himmel auf ewig Zeit oder ist die Ewigkeit zeitlos? Ersteres stelle ich mir wie die Hölle vor, für Letzteres brauche ich kein „ich“ oder eine Seele. Nun, ich werde es nie erfahren. In den Himmel komme ich nicht. Da ich ein Ungläubiger bin, ist die Hölle für mich für die Ewigkeit vorgesehen, während pädophile Priester, die „Kinderseelen“ zerstört haben, nur ein bisserl Fegefeuer ertragen müssen. Hoffentlich sind im Himmel die Puten vor ihnen sicher!
- Glaubensfreie Alternativen
Ich schließe mich hier den Worten von Mr. Copson an (High Court of Justice, Case No: CO/4609/2019) an:
„Humanisten sind Menschen, die ihr eigenes Leben im Hier und Jetzt gestalten, weil wir glauben, dass dies das einzige Leben ist, das wir haben. Der Humanismus ist eine nicht-religiöse Weltanschauung und Humanisten sind daher entweder Atheisten oder Agnostiker. Wir vertreten eine naturalistische Sichtweise und glauben, dass Menschen, da es kein Leben nach dem Tod und keinen erkennbaren Zweck für das Universum gibt, ihrem eigenen Leben einen Sinn geben können, indem sie in diesem Leben nach Glück suchen und anderen dabei helfen, dasselbe zu tun. Wir verstehen die Welt durch Logik, Vernunft und Beweise sowie durch unsere Sorge um Menschen und andere fühlende Tiere und sind stets bestrebt, die Menschen um uns herum mit Wärme, Verständnis und Respekt zu behandeln.“
- Freiheit, eigene Wünsche und Gedanken zu leben
In meiner Interpretation des Humanismus spielt Freiheit die zentrale Rolle – nicht das anthropozentristische Konstrukt der menschlichen Würde. Dabei bin ich mir im Klaren, dass wir in unseren Wünschen gar nicht frei sind. Was wir wollen, können wir nicht frei entscheiden, da es uns in die Wiege gelegt wurde oder durch Sozialisation aufgedrängt wird. Dennoch verlangt es mich nach Freiheit von äußeren Zwängen aller Art, die mir vorschreiben, wie ich mein Leben zu gestalten habe oder die mein Denken manipulieren wollen.
- Zusammenhang zwischen Humanismus und Aufklärung
Wissen und die konsequente Aufklärung über religiöse Irrlehren bilden das Bollwerk gegen religiösen Wahn und Unrecht. Einem Humanisten käme es niemals in den Sinn, im Namen eines vermeintlichen göttlichen Willens zu töten oder zu diskriminieren. Darum sollte es uns Humanist*innen ein Anliegen sein, seriöse Wissenschaft zu fördern. Sie ist das Korrektiv, das den Aberglauben durch beweisbare Fakten ersetzt. Aktuell sind Humanist*innen stark gefordert, denn das Pendel schlägt gerade wieder um. Fakten zählen neuerdings nicht mehr. Geborgenheit in der eigenen Community ist wichtiger als das Streben nach Wahrheit und Wissen.
- Praktischer Humanismus
Missionierung unter Gläubigen findet bei mir nicht statt – darauf habe ich schlichtweg keine Lust. Der Austausch mit „Amateurgläubigen“ verliert schnell seinen Reiz, da es letztlich immer um egoistisches, selbstsüchtiges Wunschdenken für das Jenseits oder um vermeintlich persönliche Erfahrungen geht. Anders verhält es sich mit Theologen: Der Austausch mit ihnen ist aufgrund meines unstillbaren Wissensdurstes durchaus bereichernd. Zwar verfüge ich über fundiertes Wissen über Religionen, doch ist mein Kenntnisstand nicht mit jenem eines einschlägig Gelehrten zu vergleichen.
Als Zielpublikum betrachte ich in erster Linie Humanist*innen. Da wir keine homogene Gruppe sind, existieren sehr unterschiedliche Ausrichtungen; mein Humanismus ist beispielsweise nicht anthropozentristisch. Die Wissenschaft belegt jährlich eindrucksvoll, dass die Kluft zwischen Mensch und Tier schwindet. Meine Empathie gilt daher allen Entitäten, die leiden oder fühlen – und einst werden dies auch Maschinenwesen sein.
Es erbost mich, wenn die Kirche die „Nächstenliebe“ geschichtswidrig als ihre Errungenschaft propagiert, obwohl es die Humanist*innen waren, welche der Kirche die unbedingte Nächstenliebe lehrten. Ebenso wütend macht mich die Instrumentalisierung des Humanismus durch linke Ideologen für ihre politische Agenda. Mein Humanismus ist liberal und fußt auf dem Wunsch, Menschen dazu zu motivieren, Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen, statt sich einem unproduktiven Neid hinzugeben.
- Selbstbestimmtes Leben und selbstbestimmtes Sterben
Atheistisch zu leben heißt auch, atheistisch zu sterben. Die Verantwortung für das eigene Dasein und dessen Ende zu übernehmen, ohne auf transzendente Vertröstungen zu hoffen oder religiöse Drohungen zu fürchten, ist dabei die Grundvoraussetzung. Vernunft und ein eigener moralischer Kompass bilden das Fundament dieser Haltung.
Humanist*innen setzen sich für ein würdiges, selbstbestimmtes Sterben ein – in Österreich insbesondere für eine längst überfällige Verbesserung des Sterbeverfügungsgesetzes. Für mich persönlich ist jedoch nicht nur die Debatte um die Sterbehilfe zentral, sondern auch die Forderung nach der Entwicklung eines präzisen Medikaments, einer echten „Todespille“, die den letzten Übergang sanft erleichtert. Ein Skandal bleibt es, dass wir uns derzeit mit Notlösungen in Form von unsicheren Überdosen zufriedengeben müssen, statt auf medizinische Präzision für ein schmerzfreies Ende zu setzen. Wer Autonomie am Lebensende ernst meint, darf sich dieser Debatte nicht entziehen.
- Was schadet der Gesellschaft aktuell am meisten
Diese Frage würde eine fundierte essayistische Antwort verdienen. Eine der Hauptsorgen, die mich quält, ist die schleichende Abkehr der Menschen von der Demokratie. Selbst für demokratisch Gesinnte wird es zunehmend schwierig, das demokratische Prinzip im Alltag zu leben. Die Demokratie setzt voraus, dass sich Wähler auf Basis rationaler Argumente eine Meinung bilden. Doch die Basis für vernunftbasierte Entscheidungen erodiert. Es wird immer schwieriger für uns, Argumente und Fakten, die uns erzählt werden, auf Richtigkeit zu überprüfen. Unsere Welt ist ungemein komplex geworden und man kann nicht Experte von allem sein. Die KI richtet hierbei einen enormen zusätzlichen Schaden an, da wir an einem Punkt angelangt sind, an dem wir unseren Augen und Ohren nicht mehr glauben können. Wir sind abhängig geworden von objektiven und unvoreingenommenen Faktencheckern. Aber wer überprüft die Objektivität der Faktenchecker? Der Missbrauch von KI selbst durch renommierte Zeitungen und Fernsehsender spricht Bände. Öffentlich-rechtliche Medien, die ihre Gatekeeper-Funktion weitgehend aufgegeben haben, sind längst selbst Teil des Problems geworden. Die Folge ist eine emotionale Entscheidungsfindung, bei der die Gefühle der Menschen von Populisten gesteuert und kanalisiert werden. Linke wie rechte Populisten richten derzeit weltweit nachhaltigen Schaden an, indem sie die Gesellschaft erfolgreich und unversöhnlich radikalisieren.
- Stille bzw. unbekannte Humanisten
Auch dieser Frage wäre eine lange Antwort geschuldet. Viele vergessene Humanist*innen warten darauf, wieder entdeckt zu werden. Auf meinem humanistischen Blog habe ich jüngst über Felix Kaufmann berichtet. Der kaum bekannte Jurist aus dem „Wiener Kreis“ lieferte mit seinen klug-ironischen Liedtexten den Beweis, dass messerscharfer Verstand und musisches Talent bestens harmonieren. Einige seiner philosophischen Lieder samt ihrer Vertonungen, die sich an alte deutsche Volkslieder und Wiener Heurigenlieder orientieren, habe ich im Blog vorgestellt und verlinkt. Es ist ein herrlich unkonventioneller, lebensfroher Teil der humanistischen Geistesgeschichte.
- Humanismus und Spiritualität
Der „Spirit“ hat mich bisher zwar nicht erfasst, aber Spiritus weiß ich durchaus zu schätzen. Was wirklich mit Freude erfüllt, ist jeder Zuwachs an Wissen. Nicht einmal das eigene muss es immer sein – mein Gehirn ist klein und die Gedanken schweifen nur allzu oft zum aqua vitae ab. Wenn jedoch die Menschheit als Ganzes klüger wird, stellt das einen unschätzbaren Fortschritt dar, den ich herbeisehne.
- Zukunft und Wünsche
Trotz der vielen Gefahren und Risiken, die ich keinesfalls abstreite, bin ich ein Transhumanist. Denn ich sehe im Transhumanismus die einzige langfristige Alternative für unsere Spezies. Da die Erde nicht ewig habitabel bleiben wird, liegt die Zukunft der Menschheit im All – doch für ein dauerhaftes Leben im Weltraum sind unsere menschlichen Körper nicht geschaffen. Es bedarf Adaptionen. Posthumanist bin ich jedoch nicht, weil den ordne ich der Science Fiction – Literatur zu. Grundsätzliche philosophische Gegeneinwände, wie etwa das Postulat des Schutzes der menschlichen Würde, hätte ich jedoch auch gegen den Posthumanismus nicht. Ich kann akzeptieren, dass der homo sapiens sapiens das Schicksal des Neandertalers teilen könnte und wir in einem homo digitalis weiter wirken.