Dr. Andreas Gradert
Dr. Andreas Gradert
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- Selbstdefinition
Ich bin Humanist. Konfessionsfrei, aber ich definiere mich nicht über die Abwesenheit von Religion und deshalb auch nicht primär als Atheist. Für mich ist entscheidender, wofür ich stehe als wogegen ich bin: für Menschenwürde, Selbstbestimmung, Freiheit, Menschenrechte, Vernunft und Verantwortung.
Humanismus ist für mich dabei keine private Weltanschauung, die man sonntags hervorholt. Wenn er ernst gemeint ist, muss er Folgen haben.
- Entscheidende Erfahrungen
- Mich haben weniger einzelne philosophische Bücher geprägt als die Begegnung mit Menschen in sehr konkreten Situationen: in Krisen, nach Unglücken, in existenzieller Not, in der Obdachlosenhilfe, in der Begleitung von Menschen, die Gewalt oder Missbrauch erlebt haben.
Wenn man über Jahrzehnte Menschen in Situationen erlebt, in denen vieles wegfällt, was im Alltag wichtig erscheint, verändert das den Blick. Dann werden Würde, Autonomie und Beistand keine abstrakten Begriffe mehr.
Ich habe dabei auch gelernt, dass gute Absichten nicht genügen. Entscheidend ist, was unser Handeln für den anderen Menschen tatsächlich bewirkt.
- Elitär
- Humanismus darf nicht elitär sein. Sobald Humanismus zu einer Veranstaltung für Menschen wird, die einander beweisen, wie aufgeklärt sie sind, hat er ein Problem.
Natürlich braucht er Philosophie, Wissenschaft und intellektuelle Auseinandersetzung. Aber er muss sich auch daran messen lassen, ob die alleinerziehende Mutter, der schwerkranke Mensch, die von Diskriminierung betroffene Person oder jemand in einer existenziellen Krise etwas davon hat.
Ich misstraue einem Humanismus, der hervorragend über den Menschen sprechen kann, aber mit konkreten Menschen wenig anzufangen weiß.
- Religiöse Zwänge
- Mein Problem ist nicht, dass Menschen glauben. Glaubensfreiheit ist ein Menschenrecht, und dazu gehört selbstverständlich das Recht, religiös zu sein.
Problematisch wird Religion dort, wo aus persönlichem Glauben gesellschaftlicher oder staatlicher Zwang wird: wenn Religion privilegiert wird, wenn Kinder einer Religion zugerechnet werden, bevor sie sich selbst entscheiden können, wenn religiöse Normen über die Selbstbestimmung anderer Menschen gestellt werden oder wenn Menschen faktisch dafür bezahlen müssen, dass andere ihre Religion institutionell ausüben.
Religionsfreiheit bedeutet deshalb für mich immer auch Freiheit *von* Religion.
- Konkrete Eigenerfahrungen mit Religiosität
- Ich habe Religion in sehr unterschiedlichen Formen erlebt. Auch in Situationen, in denen sie Menschen Trost und Halt gegeben hat. Das bestreite ich überhaupt nicht.
Ich habe aber ebenso erlebt, was geschieht, wenn religiöse Institutionen Macht über Menschen gewinnen, wenn Schuld und Scham erzeugt werden oder wenn Institutionenschutz wichtiger wird als der Schutz Betroffener.
Gerade die Beschäftigung mit Missbrauch zeigt, wie gefährlich Strukturen werden können, in denen Autorität nicht ausreichend kontrolliert und Kritik als Angriff auf die Institution verstanden wird.
Meine Kritik richtet sich deshalb weniger gegen den individuellen Glauben als gegen Macht, Privilegien und institutionelle Verantwortungslosigkeit.
- Glaubensfreie Alternativen
- Glaubensfreie Menschen brauchen keine Kopien religiöser Rituale. Aber Menschen brauchen Gemeinschaft, Orientierung, Übergangsrituale, Trost und Formen, mit Geburt, Erwachsenwerden, Partnerschaft und Tod umzugehen.
Warum sollte das ausschließlich Religionen überlassen bleiben?
Humanistische Feiern, Lebensbegleitung, Trauerbegleitung oder weltliche Abschiedsrituale haben für mich deshalb einen hohen Stellenwert. Nicht als Ersatzreligion, sondern als eigenständige Formen einer humanistischen Kultur.
- Freiheit, eigene Wünsche und Gedanken zu leben
- Freiheit bedeutet für mich zunächst, das eigene Leben nach den eigenen Vorstellungen gestalten zu können.
Aber Freiheit endet nicht erst dort, wo irgendein Gesetz eine Grenze zieht. Sie trägt Verantwortung in sich. Meine Freiheit darf nicht auf Kosten der Würde und Freiheit anderer Menschen gehen.
Gerade deshalb ist Selbstbestimmung so wichtig: Der Staat, eine Religion, eine Familie oder auch eine humanistische Organisation wissen nicht grundsätzlich besser als der einzelne Mensch, welches Leben für ihn richtig ist.
- Zusammenhang zwischen Humanismus und Aufklärung
- Ohne Aufklärung wäre moderner Humanismus kaum denkbar. Die Vorstellung, dass Aussagen begründet werden müssen, Autoritäten kritisierbar sind und Menschen selbst denken dürfen, gehört zu seinen Grundlagen.
Aber Humanismus ist für mich mehr als fortgesetzte Aufklärung.
Aufklärung beschreibt stark eine Methode: prüfen, zweifeln, begründen, Wissen vermehren. Humanismus fügt eine normative Frage hinzu: Was bedeutet dieses Wissen für Menschen und für unser Zusammenleben?
Man kann hochgradig rational sein und trotzdem menschenverachtend handeln. Vernunft allein genügt also nicht.
- Praktischer Humanismus
- Das ist wahrscheinlich die Frage, die mir am wichtigsten ist.
Praktischer Humanismus heißt: nicht nur Positionen veröffentlichen, sondern handeln.
Wenn jemand Unterstützung braucht, unterstützen wir. Wenn Menschenrechte verletzt werden, widersprechen wir. Wenn Wissenschaft Erkenntnisse liefert, nehmen wir sie ernst. Wenn staatliche oder religiöse Strukturen Menschen benachteiligen, versuchen wir, sie zu verändern.
Für mich beginnt Humanismus deshalb vor der Haustür.
Am Ende interessiert mich weniger, wie viele ausgezeichnete Grundsatzpapiere eine humanistische Organisation verabschiedet hat. Ich möchte wissen: *Was ist aufgrund ihrer Existenz für irgendeinen Menschen konkret besser geworden?*
- Selbstbestimmtes Leben und selbstbestimmtes Sterben
- Wer Selbstbestimmung im Leben ernst nimmt, kann sie am Lebensende nicht plötzlich für bedeutungslos erklären.
Das heißt selbstverständlich nicht, dass Menschen zum Sterben gedrängt werden dürfen. Im Gegenteil: Wirkliche Entscheidungsfreiheit setzt voraus, dass Palliativmedizin, Pflege, soziale Unterstützung und menschliche Begleitung vorhanden sind.
Aber wenn ein entscheidungsfähiger Mensch nach sorgfältiger Abwägung sagt: Dieses Leiden möchte ich nicht weiter ertragen, dann nehme ich diesen Menschen ernst.
Ich halte es für problematisch, wenn andere Menschen ihm aufgrund ihrer religiösen oder philosophischen Überzeugungen vorschreiben wollen, wie lange er leben muss.
- Was schadet der Gesellschaft aktuell am meisten
- Die zunehmende Bereitschaft, anderen Menschen ihre vollständige Menschlichkeit abzusprechen.
Das zeigt sich in sehr unterschiedlichen Bereichen: in Kriegen, in der Migrationsdebatte, im politischen Umgang miteinander, bei Minderheiten oder gegenüber Menschen, deren Lebensweise man ablehnt.
Menschen werden zu Gruppenbezeichnungen, Feindbildern oder statistischen Größen.
Dazu kommt eine zweite Entwicklung: Wir verwechseln immer häufiger Überzeugung mit Wissen. Wenn Fakten nur noch akzeptiert werden, solange sie zur eigenen politischen, religiösen oder weltanschaulichen Position passen, verliert eine demokratische Gesellschaft ihre gemeinsame Gesprächsgrundlage.
- Stille bzw. unbekannte Humanisten
- Die interessantesten Humanisten tragen möglicherweise gar kein humanistisches Etikett.
Ich denke an Menschen, die jemanden pflegen, ohne darüber zu sprechen. An Menschen, die Zivilcourage zeigen. An Lehrer:innen, Ärzt:innen, Sozialarbeiter:innen, Wissenschaftler:innen oder Nachbar:innen, die Verantwortung übernehmen, weil jemand Hilfe braucht.
Man kann Mitglied einer humanistischen Organisation sein und sich ausgesprochen inhuman verhalten. Und man kann niemals das Wort Humanismus verwenden und ihn jeden Tag praktizieren.
Für mich ist das Handeln entscheidender als das Etikett.
- Humanismus und Spiritualität
- Mit dem Begriff Spiritualität habe ich Schwierigkeiten, weil darunter fast alles verstanden werden kann.
Wenn Spiritualität bedeutet, Ehrfurcht, Staunen, Verbundenheit, intensive Naturerfahrung oder die Erfahrung der eigenen Begrenztheit zuzulassen, sehe ich keinerlei Gegensatz zum Humanismus.
Ich brauche dafür allerdings keine übernatürliche Erklärung.
Wenn ich nachts in den Himmel schaue, wird das Universum nicht weniger beeindruckend, weil ich seine Entstehung naturwissenschaftlich erklären möchte. Eher im Gegenteil.
Ich würde deshalb wahrscheinlich nicht sagen, dass ich spirituell bin. Aber ich verstehe sehr gut, welches menschliche Erleben viele Menschen mit diesem Wort beschreiben.
- Zukunft und Wünsche
Ich wünsche mir einen Humanismus, der selbstbewusster und gleichzeitig bescheidener wird.
Selbstbewusster darin, gesellschaftliche Positionen zu vertreten und sich nicht darauf zu beschränken, Kirchen oder Religionen zu kritisieren.
Bescheidener darin, nicht zu glauben, Humanist:innen hätten automatisch die besseren Antworten oder seien die besseren Menschen.Mich interessiert ein Humanismus, der Wissenschaft ernst nimmt, Menschenrechte verteidigt und im Alltag sichtbar wird. Einer, der Menschen nicht vorschreibt, wie sie leben sollen, sondern ihnen ermöglicht, selbstbestimmt zu leben.
Und wenn ich mir für humanistische Organisationen etwas wünschen darf, dann wäre es ein sehr einfacher Maßstab:
* Nicht fragen, wie bedeutend wir sind. Fragen, welche Folgen unser Handeln hat.
* Das wäre auch der rote Faden, den ich bei diesen 14 Antworten durchziehen würde:
* weniger „Religion ist falsch“, stärker „Menschen müssen frei und würdig leben können“; weniger abstrakter Humanismus, stärker Konsequenz im konkreten Handeln.*Dr. Andreas Gradert, MSc MA
Humanistischer Verband Österreich, Präsident
Humanistische Akademie Österreich
+43 670 3547784
andreas.gradert@humanisten.at
https://humanismus.at