Helge Nyncke

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Wissenswertes

Helge Nyncke

Zeichner des ersten religionskritischen (und 2008 von staatlicher Indizierung bedrohten) Kinderbuchs „Wo bitte geht's zu Gott? fragte das kleine Ferkel“ bekannt gewordene Illustrator, Autor, You-Tube-Kabarettist und streitbare Freidenker und gut für: Religionskonflikte, Islamdebatte, Beschneidungsurteil, Toleranz, Meinungsvielfalt, Blasphemieparagraf, Kunstfreiheit, Satire usw.                   

Dezember 2012, Brandneues Satirenbuch:  "Heiliger BimBam - gepfefferte Satiren und gesalzene Erkenntnisse über Gott und die Welt", Angelika Lenz Verlag 2012
"Das passende Tannenzweiglein zum Lichterbaum der heiligen Illusionen, mein zimmerbrandneues Satirebuch mit  aktueller Debatte um religiöse Beschneidung, Toleranz und die Freiheit der Kunst", sagt HelgeNyncke dazu.
 
Einen Satireband - hintergründig-freche Perspektiven auf den gesammelten religiösen Wahnwitz, esoterischen Mumpitz und zwischenmenschlichen Aberwitz in den vernebelten Zeiten des sogenannten interreligiösen Dialogs.
Ein Buch für alle, die nicht nur brav und multitolerant diskutieren sondern auch befreiend lachen wollen. Scharfsinnig und wunderbar humorvoll zugleich, immer aufgeschlossen gegenüber den menschlichen Schwächen, aber konsequent und schonungslos direkt gegenüber ihrem dumpfen und abgründigen Wahn. Getreu seinem Credo „Der Mensch ist wichtiger als die Religion“ führt der Autor in seinem facettenreichen Stil den Leser mit entlarvender Klarheit durch das Labyrinth der glaubensbeengten Weltanschauungen und auch (hoffentlich ge-)heil(-t) wieder hinaus.
 
Leseprobe
AM SCHNEIDEWEG
Justitia ist blind. Eine Schande! Denn der Blick in die tränenverschleierten Augen der in der Ausübung ihres gesamten religiösen Lebens nunmehr zwangsweise verhinderten Mitbürger jüdischen Glaubens könnte selbst einen Stein erweichen. Und die Konfrontation mit dem blassen Entsetzen in den Gesichtern der ebenso ihrer Grundrechte entleibten muslimischen Brüder im Geiste nicht minder. Und die hiesigen, etwas weniger schneidefreudigen Kleinkinderbewässerer christlichen Glaubens starren kaum weniger angstvoll auf die zunehmende Erosion ihrer Glaubensgrundlagen und beäugen die Hüterin des Rechts mit vorwurfsvollen Argusaugen. Vom hilflos fragenden Blick der von allen guten Glaubensgeistern verlassenen, an intimster Stelle ihres Körpers und am ungeschützesten Refugium ihrer Psyche verstümmelten Buben mal großzügig abgesehen. Denn was zählt schon das individuelle Leid gegenüber dem kollektiven Beleidigtsein?
Ich finde ja, man hätte Katie Holmes die Scheidung vom Scientology-Guru Tom Cruise nicht gestatten sollen, war diese doch vor allem damit begründet, ihre gemeinsame Tochter vor den Gehirnwäsche-Übergriffen der amerikanischen Sekten-Kirche zu schützen. Dabei ist der Psycho-Terror dieser Science-Fiction-Gläubigen doch ein fester Bestandteil ihrer Glaubensgrundlage, also gute Tradition und eine wohl durchdachte Eingliederungsmaßnahme in die bestehende Gemeinschaft der Scientologen. Komisch, dass die sich noch nicht wehklagend an die Regierung und die Justiz ihres Landes gewandt haben, um diesem Kindesentzug die rechtliche Grundlage zu verweigern. Wäre doch bestimmt kein großer Umstand, einfach mal eben die Gesetze zu ändern durch eine Sonderregelung, die es Scientologen erlaubt, den Nachwuchs auch ihrer vom einzig wahren Glauben abgefallenen Jünger uneingeschränkt weiterhin im Würgegriff ihrer persönlichkeitszerstörenden Brainwashmethoden zu indoktrinieren. Wo ist das Problem? Scientology hat sich selbst zur Religion erklärt, so wie alle anderen Religionen auch und sollte folglich auch den selben Schutz vor staatlicher Intoleranz genießen wie all die Anderen.
Auch die muslimischen Schafschächter sollten uneingeschränkt ihre Messer schwingen dürfen, finde ich. Ist doch schließlich ein streng nach religiösen Regeln ausgerichtetes Ritual, also Tradition, also als Glaubensgrundlagenbestandteil vor dem arroganten Zugriff dieser eingebildeten Tierschützer gefälligst zu schützen. Tierschützer! Wenn ich das schon höre. Wenn sich deren Forderungen durchsetzen würden, dann wäre fleischliches Leben ernährungstechnisch in Deutschland praktisch unmöglich. Unschuldige Metzgerkinder würden ihres gesamten kulturellen Hintergrundes beraubt. Das wäre fast so schlimm wie damals, als von staatlichen Möchtegern-Besserwissern, diesen selbst ernannten Kinderschützern die elterliche Gewalt gegenüber Kindern eingeschränkt wurde. Können Sie sich diese hilflosen Abgründe vorstellen, wenn sich plötzlich das aufsässige Kind und der bestrafungsverhinderte Papa mit dem Gürtel in der Hand gesetzesstarr gegenüber standen, und er nicht zuschlagen durfte? Schon seine Frau kam ein paar Jahre früher in den zweifelhaften Genuss, nicht mehr regelmäßig von ihrem Göttergatten nach Strich und Faden vermöbelt werden zu dürfen. Und was ist die Folge? Überall steigende Scheidungsraten, verwahrloste, alkoholvereinsamte Ex-Eheprügler, orientierungslose Jugendliche, veilchenlose Ex-Ehefrauen, die nun allesamt nicht mehr wissen, wo es lang geht. Nicht mal in den Kirchen, Kinderheimen oder gemeindenahen Hinterzimmern darf nun mehr ungestraft gefummelt und gevögelt werden, bloß weil ein paar Menschenrechtler sich daran störten, dass dabei ein angebliches Machtgefälle zwischen Abhängigen und Missbrauchenden bestehe. Ja und? Das war doch schon immer so. Überall auf der Welt wurden über Jahrhunderte Kinder und Frauen verprügelt, missbraucht und wie Vieh behandelt, Sklaven in Ketten gelegt, Schwarze aufgeknüpft oder fremde Völker ausgerottet. Alles im Namen guter alter Traditionen und als fester Bestandteil der jeweiligen Gesellschaft. Wenn man das alles damals verboten hätte, dann gäbe es heute keine Sklaverei, keinen Rassenhass, keine Hexenjagden und keine totgeprügelten Kinder mehr. Unsere Gemeinschaft wäre völlig verarmt an traditionellen Werten. Furchtbar!
Werte haben Wurzeln, und diese Wurzeln lassen sich nun mal nicht einfach heraus reißen und durch völlig neue Wertsetzlinge ersetzen. Und Werte brauchen Mehrheiten, die diese auch akzeptieren. Diese unerträgliche Arroganz wichtigtuerischer Einzeltäter, die der ganzen Welt vorschreiben wollen, dass ab sofort eine völlig neue Zeit angebrochen sei, ist überhaupt die größte Bedrohung traditioneller gesellschaftlicher Werte. Man stelle sich mal vor, die Weltgemeinschaft hätte sich von solchen humanistischen Spinnern und abgedrehten Wissenschaftlern wie Martin Luther King, Mahatma Gandhi, Galileo Galilei, Nikolaus Kopernikus, Giordano Bruno, Charles Darwin, John Lennon oder Alice Schwarzer in ihren rabenschwarzen Traditionsnachttopf pinkeln lassen. Undenkbar! Wir müssten heute so tun, als sei die Erde eine Kugel statt einer Scheibe und als drehe sie sich um die Sonne anstatt umgekehrt. Wir müssten Krieg und Todesstrafe als etwas Schlimmes verurteilen, wir müssten so etwas Lächerliches wie die Evolutionstheorie und wissenschaftliche Forschung akzeptieren und wir sollten, welche Zumutung, Neger und Frauen als vollwertige Menschen betrachten. Absurd! Und das alles nur, weil ein paar durchgeknallte Spinner die guten alten Traditionen in Frage stellen wollten. Am Ende wäre womöglich noch das römische Reich untergegangen oder das heilige Kaiser- und Königtum ausgestorben. Leibeigentum, Ausbeutung, Rechtlosigkeit und adlige Willkür, das ganze schöne traditionelle höfisch-aristokratische Leben wäre praktisch unmöglich geworden. Ja wo kämen wir denn da hin?
Und nun dieses unsägliche Beschneidungs-Urteil. So ein Geschiss um so ein Bisschen Vorhaut. Also ehrlich. Als könne ein unfreiwilliger und unwiderruflicher Eingriff am intimsten Teil der Intimsphäre unfreiwillige und unwiderrufliche Folgen für den so Verschnippelten haben. Ist doch völlig unlogisch. Da bildet sich in der kleinen Karnevalshochburg Köln ein lächerliches Landgericht ein, es könne plötzlich der ganzen Welt vorschreiben, die Menschenrechte zu beachten. Typisch deutsche Arroganz. Am deutschen Wesen soll die Welt genesen, das hatten wir doch schon mal. Und was ist dabei heraus gekommen? Eben! Da regt sich dann, neben allen anderen Schwanzeinziehern, auch der zuständige Bischof (Für die Menschenrechte, insbesondere beim Thema Sexualität, ist immer ein Bischof zuständig!) mit allem Nachdruck darüber auf, dass hier ja wohl nicht wirklich gründlich darüber nachgedacht worden sei, was bei einer solch brisanten Güterabwägung alles in die jeweilige Waagschale gehöre. Wenn also auf der einen Seite die bedeutungsschweren Jahrhunderte religiöser Riten und Traditionen die Gewichtigkeit der Argumente unterstreichen, dann seien ja wohl ein paar Dutzend Jährchen Aufklärung dagegen kein ernsthafter Einwand. Und was bedeuten schon die paar dünnen Seiten Menschenrechtserklärung, Kinder- und Frauenrechte gegenüber dem vieltausendfachen Übergewicht von Bibel, Koran und Thora zusammen? Gar nichts!
Aber diese notorischen Weltverbesserer lamentieren, eine gesunde gesellschaftliche Entwicklung verlange ein ständiges Nachjustizieren der Waagschalen. Eine faire Abwägung der Argumente erfordere eine neutral geeichte Waage, bei der beide Schalen sich in leerem Zustand genau in der Waagerechten befinden müssten. Wie beim Metzger. Hallo? Wo gibt´s denn so was? In unserer religionsgesellschaftlichen Einheitswaage gibt es keine leeren Waagschalen, keine Eichung, keine neutrale Balance, keine faire Interessenabwägung. Wo Religion drauf steht, ist immer schon einseitig das Gewicht verschoben, die bleierne Tradition fest verankert und alles, was Recht ist, vorbestimmt. Das ist ja gerade das Schöne. Man ist nicht diesem ständigen verunsichernden Zwang zum Abwiegen und Vergleichen von Argumenten und Gegengewichten ausgesetzt, sondern kann sich darauf verlassen, dass das, was immer Recht und Wahrheit war, auch immer Recht und Wahrheit bleiben wird. Egal, was dieser so genannte Fortschritt dagegen einzuwenden hat. Nur so, in einem klar geregelten Übereinander ist ein geregeltes Miteinander in unserer Gesellschaft möglich. Und uneingeschränktes religiöses Leben ist überhaupt nur dort denkbar, wo eben das gesellschaftliche Leben in Schranken gehalten wird. Wie beim Bahnübergang – der kollektive Zugverkehr hat immer Vorfahrt gegenüber dem individuellen PKW-Verkehr. So einfach ist das.
Und an diesem Schneideweg gilt eben: Wer zur Gemeinschaft gehören will oder gehören wollen soll, der muss sich eben in seinen Persönlichkeitsrechten und dafür symbolisch an seinem intimsten Körperteil beschneiden lassen. Umgekehrt: Wer sich gegen diese Beschneidung ausspricht, der gehört eben nicht zur Gemeinschaft. Basta. Und andere als die religiösen Gemeinschaften sind in dem Sinne ja gar keine Gemeinschaften, weil ihnen das alles entscheidende Bindeglied in Form eines nach der Verstümmelung verbundenen Gliedes fehlt. Ergo verdient so eine Art von nicht durch sichtbare physische und unsichtbare psychische Opfer verbundenen Verbindung also keine weitere Beachtung, egal auf welche abstrusen Werte wie Menschenrechte oder dergleichen sie sich beruft. Im Wettbewerb der Religiösen gegen die Ungläubigen haben also solche Pseudo-Gemeinschaften nicht den Hauch einer Chance. Und das ist auch gut so. Denn das Grundgesetz aller Glaubensgemeinschaften ist und bleibt:
§1 Die Religion hat immer Recht.
§2 Sollte die Religion einmal nicht Recht haben, tritt §1 in Kraft. Halleluja!
Das sollte sich die deutsche Strafjustiz einmal ganz gründlich hinter die Ohren schreiben! Und der deutsche Gesetzeshüter muss nun schleunigst dafür sorgen, dass in den Fällen, wo das Kirchenrecht dem Menschenrecht widerspricht, nicht etwa die ehrwürdige Tradition, sondern gefälligst das entsprechende Menschenrecht geändert und den religiösen Vorschriften untergeordnet wird. Denn von deutschem Boden darf nie wieder ein Sieg ausgehen. Schon gar nicht einer der Vernunft!

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